DER NATURSINN-BLOG

Natürlich - nachhaltig - effektiv!
21
Dez

Leitungswasser – lebensgefährlicher Genuss aus dem Hahn?

Obwohl hierzulande sauberes Trinkwasser aus der Leitung kommt, das Geschäft mit Wasser in der Flasche boomt. 142 Liter pro Kopf und Jahr, also insgesamt etwa 11,5 Milliarden Liter wertvolles Nass schleppen die Deutschen jährlich in der Flasche nach Hause. Ganz im Gegensatz zu Ländern, in denen die Menschen teils über Kilometer weit laufen müssen, um an einigermaßen brauchbaren Wasserstellen ein paar Liter in Kanistern zu bekommen.

Die Angst vor dem Leitungswasser

Viele Menschen in Deutschland haben trotzdem massive Vorbehalte, Wasser direkt aus der Leitung zu genießen. Teils wenig differenzierte Medienberichte über Rückstände und Mikroplastik als auch Anbieter von Filtersystemen für unser Kranenberger schüren das dumme Gefühl, unser Leitungswasser sei ohne mechanische Aufbereitung keinesfalls gesund. Insbesondere die Vertreter von Osmosesystemen, die das Leitungswasser komplett entmineralisieren, verunsichern mit falsch interpretierten Testmethoden (z.B. der Leitwertmessung) und fachlich fragwürdigen Aussagen den unwissenden Verbraucher- von der gesundheitlichen Bedenklichkeit des leeren Wassers mal ganz abgesehen.

Die Qualität des Leitungswassers

Leitungswasser wird in Deutschland sehr gut kontrolliert, die Richtlinien der deutschen Trinkwasserverordnung sind deutlich strenger als die der Mineral- und Tafelwasserverordnung. Leitungswasser wird auf mehr Schadstoffe geprüft als die Flaschenwässer, beispielsweise auf Pestizide – was bei abgefülltem Wasser nicht vorgeschrieben ist.

Auch mangelndes Wissen ist für das weit verbreitete Misstrauen gegenüber Leitungswasser verantwortlich. Manche Menschen glauben tatsächlich, Abwasser aus der Kläranlage würde nach Aufbereitung und Desinfizierung direkt wieder in das Trinkwassernetz gespeist. Weit gefehlt, denn das gereinigte Abwasser fließt aus der Kläranlage zuerst wieder in die Gewässer und tritt damit in den Kreislauf der Natur ein. Leitungswasser wird niemals aus Abwasser gewonnen. Es stammt zu 64 Prozent aus natürlichen Quellen wie Grundwasser, zu 27 Prozent aus Oberflächenwasser wie Flüssen und Seen und zu 9 Prozent aus Quellwasser.

Falls notwendig, sorgen zusätzlich verschiedene Verfahren dafür, dass Partikel, organische Verschmutzungen, Schadstoffe, Pestizide und Chlorkohlenwasserstoffe entfernt werden. Nur in Notfällen wird das Wasser mithilfe von Chlor oder durch UV-Bestrahlung desinfiziert.

Medikamentenrückstände

Ein mittlerweile in den Medien immer beliebteres Thema: die angeblich hohe Belastung unseres Trinkwassers mit Medikamentenrückständen. Zweifelsohne hinterlässt unser übermäßiger Konsum an Pharmazeutika seine Spuren in unseren Gewässern, doch die bislang festgestellten Konzentrationen im Grund- bzw. Leitungswasser sind nach wie vor mehr als gering. In der Regel liegen Sie unter dem messtechnisch erfassbaren Grenzwert von wenigen Nanogramm pro Liter.

Zur Verdeutlichung der aktuellen Dimension: Bei einem eventuellen Rückstand von beispielsweise 5 Nanogramm pro Liter eines Medikamentenwirkstoffes müsste man rund 80.000 Jahre (!) lang 3 Liter Wasser am Tag trinken, um in Summe die 400 Milligramm einer einzigen Tablette aufzunehmen.

Zahlreiche Wasserversorger untersuchen ihr Rohwasser bereits aufgrund der Verbrauchernachfragen freiwillig auf Medikamentenrückstände, obwohl dies in der Trinkwasserverordnung noch nicht verlangt wird. Wenn Sie sicher gehen möchten, können Sie natürlich auch selbst eine umfassende Untersuchung in einem professionellen Labor durchführen lassen, z.B. hier: https://www.wasserschnelltest.de/wasseranalyse/medikamente-arzneimittel-trinkwasser

Mikroplastik

Es klingt tatsächlich alarmierend: Eine Studie des Journalistenverbunds „orb Media“ weist bei 83% von 159 Proben weltweit Mikroplastikpartikel im Trinkwasser nach. „BILD“ hat zusätzlich sechs Proben aus Deutschland analysieren lassen. Dort wurden im Schnitt jedoch lediglich 2,5 Fasern Mikroplastik auf einen halben Liter Trinkwasser nachgewiesen.

Die Studie selbst ist insgesamt kritisch zu betrachten. “Zählt man Mikroplastik-Partikel unterm Mikroskop, ist die Gefahr sehr groß, dass man die Probe selbst verunreinigt. Man benötigt hochreine Luft, um dies zu verhindern.” Es wäre also möglich, dass das entdeckte Mikroplastik zum Teil nicht aus den Wasserproben stamme, sondern beispielsweise aus der Umgebungsluft, so Ingrid Chorus von der Abteilung Trink- und Badebeckenwasserhygiene beim Umweltbundesamt (UBA). “In Deutschland stammt ein Großteil des Trinkwassers aus dem Grundwasser. Die dicken Bodenschichten, durch die es gesickert ist, sind hervorragende Filter. In diesem Trinkwasser finden sich zum Beispiel auch keine Viren, die etwa die Größe von Mikroplastik haben”, sagt Chorus. Sie hält eine Verunreinigung mit Mikroplastik deshalb für sehr unwahrscheinlich. “Falls wir Mikroplastik aufnehmen, dann ist Trinkwasser sicher der am wenigsten relevante Pfad.”

Dass die Menschheit Unmengen an Plastik produziert und die Umwelt damit belastet – daran hegt niemand Zweifel. Zahlreiche Forscher bestätigen, dass wir aufgrund dessen 70 % des Mikroplastiks über die Atmung und einen weiteren Teil über die Ernährung aufnehmen.

Macht eine Filterung Sinn? Was ist mit der Nachhaltigkeit?

Es stellt sich in Anbetracht der aufgezählten Fakten die Frage, ob man mit einem Filtersystem die Umwelt regelmäßig mit zusätzlichem Müll (Filterpatronen) belasten sollte? Wo bleibt die Verhältnismäßigkeit und schließlich die Nachhaltigkeit? Wer sein Trinkwasser ohne nachweislichen Grund filtert, sollte konsequenterweise auch permanent eine Gasmaske tragen, um der mittlerweile – je nach Aufenthaltsort – hohen Feinstaubbelastung (inkl. Schadstoffen und Mikroplastik) zu entgehen, der wir täglich über die Atmung ausgesetzt sind. Laut einem Bericht der Europäischen Umweltagentur bringt Feinstaub in Deutschland jedes Jahr mehrere Zehntausend Menschen vorzeitig ins Grab. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation sterben weltweit mehr Menschen durch verschmutzte Luft als durch verschmutztes Wasser oder Tropenkrankheiten wie Malaria. Auch der Konsum von Fleisch aus der Massentierhaltung (Antibiotika) oder von Salat (in 500g Salat – sogar in Bio-Salat – finden sich bis zu 500 mg Nitrat) ist zu überdenken. Und der Einkauf ausschließlich nach biologischen Richtlinien erzeugter, frischer Lebensmittel sowie das strikte Weglassen industriell hergestellter Nahrungsmittel versteht sich dann zu guter Letzt von selbst!

Wer an all dem trotzdem zweifelt, sollte sein Trinkwasser unbedingt in einem akkreditierten Labor auf eventuelle Rückstände untersuchen lassen (z.B. bei inlabo.de oder wasserschnelltest.de), bevor die Entscheidung für eine in Deutschland meist überflüssige Filterung im Haushalt gefällt wird.

Fazit

Es geht nicht darum, die generelle Problematik zu verharmlosen, in die wir Menschen uns weltweit manövriert haben. Natürlich lassen sich im Trinkwasser aufgrund unserer in weiten Teilen rücksichtslosen Lebensweise mittlerweile Rückstände feststellen, die dort nicht hingehören. Dies aber glücklicherweise immer noch in Größenordnungen, die in 99% der deutschen Versorgungsgebiete zu keiner gesundheitlich bedenklichen Belastung führen und damit auch keine Filterung gerechtfertigen. Wir müssen trotzdem in den nächsten Jahrzehnten alles daransetzen, die Situation mit jeglichen erdenklichen Maßnahmen weiter zu verbessern, unser Trinkwasser besser zu schützen, eine ausschließlich biologisch orientierte Landwirtschaft zu fördern, den Plastikmüll auf ein Minimum zu reduzieren und vieles mehr.

Wir können also – zumindest in Deutschland – unser Wasser aus der Leitung bedenkenlos trinken. Es ist allerdings ratsam, das Trinkwasser wieder in seine natürliche, innere Ordnung (Struktur) zu bringen. Nur eine lebendige, vitale Qualität kann eine effektive Ausleitung der zum größten Teil über andere Wege (Atmung, Ernährung, Haut) aufgenommenen Schadstoffe gewährleisten.

Quellen:

http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/trinkwasser-ist-unser-wasser-wirklich-voller-mikroplastik-a-1166410.html
https://www.sueddeutsche.de/muenchen/hahn-oder-flasche-mineralwasser-oder-leitungswasser-1.742606
https://reset.org/act/trinkwasser-aus-dem-rohr-statt-aus-der-plastik-flasche
http://trademachines.de/info/abgefuelltes-wasser/
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/plastik-menschen-haben-mehr-als-8-milliarden-tonnen-produziert-a-1158676.html
https://www.zeit.de/2017/18/feinstaub-grenzwerte-belastung-medizin-land-luftverkehr/komplettansicht

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